Raumausstattung Sauer aus Winnenden produziert im Manufakturbetrieb Schutzkittel, Schutzhauben und Mundschutz

Die Maskenpflicht ab Montag ist ja gut und recht, aber kriegt man überhaupt Masken? Winnenden hat’s gut: Abgesehen von Handelsware, die es zeitweise in manchen Apotheken gibt, arbeiten mitten in der Stadt mindestens zwei Produzenten laufend für den privaten Bedarf an nichtmedizinischen Schutzmasken: Raumausstattung Sauer in der Wilhelmstraße und Änderungsschneider Murat Recep in der unteren Marktstraße. Bei beiden ist seit Tagen die Nachfrage groß. Der Raumausstatter hat gerade seine ganze Näherei mit vier Näherinnen voll ausgelastet mit der Produktion von Schutzkleidung und Hauben für Kliniken in Winnenden, Ludwigsburg und Kirchheim/Teck und versichert dennoch: „Der Nachschub an Masken ist gesichert.“

Am Dienstag hat jeder eine Maske bekommen, der eine kaufen wollte

Seit Donnerstag verkauft Familie Wahlenmeier die Behelfsmasken. An einem Tag sind 200 Stück über den Ladentisch gegangen. Das würde heißen: In sechs Tagen könnte die Firma 1200 Masken liefern. Murat Recep verkaufte gestern die Masken im Fünf-Minuten-Takt. Ein Kunde nach dem anderen fragte nach: „Haben Sie noch eine in Beige?“ „Ja. Moment. Sie ist gleich fertig. Genäht ist sie schon, ich muss sie nur noch bügeln.“ Er näht selbst und erhöht damit den Bestand an Masken in Winnenden. Manche Händler haben schon Mundschutze an treue Kundinnen verschenkt, und in der Yogurteria gibt es bei einer Eisbestellung im Wert von über 20 Euro einen Mundschutz gratis dazu. Privat in vielen Nähstuben und Wohnzimmern entsteht auch noch viel. Aber Winnenden hat über 28?000 Einwohner.

Gut, wenn man eine Manufaktur am Ort hat, die auch Mengen bewältigt und sich schnell umstellen kann wie Raumausstattung Sauer mit Inhaber Erich Wahlenmeier und seinem Team. Die Firma stellt sich sehr schnell auf neue Notwendigkeiten ein, und sie hat einen guten Zugang zu Schutzstoffen, weil sie eng mit der Backnanger Schutzkleidungsfirma Lochmann zusammenarbeitet.

Bei Mundschutz besteht seit Wochen ein Notstand. Erich Wahlenmeier hat in der Zeitung ein Inserat der Schutzkleidungsfirma Lochmann entdeckt, die Nähwerkstätten suchte, um Mundschutz herzustellen. Gerade eben wollte er Kurzarbeit anmelden für seinen Verkauf und für seine Werkstatt. Dann kam er mit Lochmann ins Gespräch: „Wir merkten sofort, dass wir auf einer Linie sind.“ Lochmann lieferte den Stoff für die Masken und die Muster, und Wahlenmeier fing an zu produzieren. Anstatt Kurzarbeit hatte er plötzlich Vollbeschäftigung in der Näherei, nur im Verkauf musste er bei der Kurzarbeit bleiben. Im Gespräch mit Lochmann, erfuhr er, dass Schutzkittel fehlen und Schutzhauben. Für die Kittel entwickelte Lochmanns Tochter, eine Herrenschneiderin, die Schnittmuster so, dass sie hinten zusammengebunden werden und so eine einzige Größe für Kittelträger jeder Größe, männlich oder weiblich, passt. Wahlenmeiers haben einen Prototyp genäht und ihn in der Winnender Klinik vorgestellt. Schnitt und Form waren sofort akzeptiert. Nur der Stoff hatte nicht gepasst. Von Lochmann bekam Wahlenmeier den passenden Stoff, und ab dann waren die Kittel begehrt. Das Rems-Murr-Klinikum bestellte 100 Stück. Eine andere Klinik holte 50 Kittel für den Sofortbedarf gleich mit dem Krankenwagen ab. Eine weitere bestellte 1000 Stück.

Wahlenmeier hat ein Industrie-Stoffschneidemesser und schneidet mit einem Schnitt gleich 40 aufeinandergelegte Stoffbahnen zu. Näherinnen nähen die Stoffe zusammen zu Kitteln, zu gefalteten Masken oder zu Kopfhauben.

Die ganze Schutzkleidung ist nichts Neues. Neu ist nur, dass es damit Lieferengpässe gibt und dass die Lieferanten aus aller Welt zurzeit nicht liefern. Neu an Wahlenmeiers Schutzanzügen ist auch die Nachhaltigkeit: Wie die Masken bestehen sie aus einem nanobeschichteten, wasserabweisenden Stoff, der mit 95 Grad gewaschen werden kann, und dessen Beschichtung durchs Bügeln verdichtet wird. Bisher haben die Kliniken nur Wegwerfkittel. Durch Corona stieg der Bedarf so stark, dass die Produktion nicht nachkam. Der Bedarf lässt sich nur noch mit textilen Schutzkitteln abdecken. Die Krankenhauswäschereien können ihre Kapazität steigern, in Schichten arbeiten und mehr Kittel waschen und mangeln. Raumausstatter Wahlenmeier meint: „Hoffentlich bleibt etwas von diesem Gedanken nach der Corona-Zeit bei uns hängen. Hoffentlich kommen wir so weit, dass wir einen Teil der Schutzkleidung wieder in Deutschland produzieren und dass wir wegkommen von dem Wegwerfzeug.“

Wahlenmeier denkt dabei nicht an sich und seine Werkstatt. Irgendwo in Deutschland müsste sich eine Produktion etablieren. Was er mit seinem Team in Winnenden macht, ist nur die schnelle, wendige Reaktion eines Handwerkers auf einen allgemeinen Notstand. Das ist vorübergehend. Größere Produktionen im industriellen Maßstab müssten aufgebaut werden, und die Kliniken müssten bereit sein, für einen Schutzkittel dauerhaft mehr zu bezahlen und ihn dafür nicht wegwerfen, sondern nur waschen zu müssen.

Die Masken, Kittel und Hauben sind keine Gewinnbringer. Für Wahlenmeier selbst sind die Masken, Kittel und Hauben keine Gewinnbringer, sagt er. Aber sie lasten seinen Betrieb aus. Als Handwerker stellt er fest: „Man braucht die Sachen, und der, der’s kann, der muss sie machen.“ Das Team von Raumausstattung Sauer kann’s. Und damit hat die Bevölkerung von Winnenden eine ständig sprudelnde Einkaufsquelle für Mundschutz direkt am Ort. Am Montag und Dienstag wird es vielleicht noch einen Mangel an Masken geben. Aber die Produktion läuft. Die Maskenpflicht kann kommen.

Quelle: Waiblinger Kreiszeitung, 22.04.2020