WKZ 21.10.2024 von unserem Redaktionsmitglied Nils Graefe
Rems-Murr.
Was bringt einen studierten Elektrotechniker dazu, eine Tischlerlehre zu machen und schließlich sogar als Tischlermeister mit einem Kollegen einen Betrieb zu übernehmen? Dies ist die ungewöhnliche Geschichte des Bestmeisters Felix Völz aus Fellbach, dem um die Bestandsfähigkeit und Zukunft der nachhaltigen und individuellen Schreinerei im – womöglich ausgehenden – Ikea-Zeitalter nicht bange ist.
Zwei Steckenpferde vereint
Am Freitag (18.10.) erhielten 624 Meisterinnen und Meister aus 28 Gewerken ihre Meisterbriefe im feierlichen Rahmen im Internationalen Congresscenter Stuttgart (ICS) überreicht. Darunter Felix Völz (32) aus Fellbach. Sein Meisterstück, ein Stehtisch, wurde als das Beste seiner Zunft bewertet. Es vereint die beiden Steckenpferde des gebürtigen Berliners, der in Karlsruhe aufgewachsen ist und der Liebe wegen nach Fellbach gezogen ist: die Elektrotechnik und das Tischlerhandwerk.
Meisterstück mit RFID-Technik
„Ich habe in der Tischplatte eine versteckte Scan-Einheit verbaut, mit der man Materialmuster abscannen kann, um auf einem Bildschirm weitere Informationen oder passende Inspiration zu bekommen – RFID-Technik“, sagt Völz.
Der Stehtisch soll für Beratungen im zukünftigen Kunden-Empfangsbereich der „Ökologischen Werkstatt“ in Fellbach stehen. Die Übernahme des Betriebs seines Schwiegervaters Salvatore Gugliuzza ist für 2025/2026 geplant – zusammen mit seinem Tischlermeister-Kollegen Niklas Kunze.
Völz kann mit Fug und Recht als Quereinsteiger ins Handwerk bezeichnet werden. „Ich habe Elektrotechnik in Karlsruhe studiert, zuerst Bachelor, dann Master. Und fand das zunächst auch spannend.“
Mit der Zeit merkte er jedoch, dass ihm etwas fehlte. „Im Arbeitsalltag in der Industrie, insbesondere beim Arbeiten am Computer und Schreibtisch, vermisste ich die Abwechslung und den Umgang mit Ästhetischem.“
So fing er während des Studiums an, zwei Tage pro Woche in einer Tischlerei in Karlsruhe zu schaffen, und erarbeitete sich schließlich auch den Gesellenbrief. „Ich merkte, dass mir Handwerk mehr Spaß macht als Büroarbeit. Auch wollte ich schon immer selbstständig werden.“ Das wäre in der Elektrotechnik zwar auch grundsätzlich möglich, als Tischler und im Handwerk sei dies aber dem allgemeinen Branchen-Umfeld wegen leichter.
„Das ist das Tolle am Handwerk“
Seine Frau arbeitet als Restauratorin im Raum Stuttgart und sein Schwiegervater Salvatore Gugliuzza betreibt seit 1991 die Ökologische Werkstatt in Fellbach, so war es nur folgerichtig, als Tischlergeselle hierher zu wechseln. Zusammen mit seinem Kollegen Niklas Kunze erhielt er von Gugliuzza aus Altersgründen nun jüngst das Angebot, den Betrieb zu übernehmen. „Das war schon immer mein Ziel, mich selbstständig zu machen. Deshalb musste ich die Gelegenheit einfach ergreifen und so kam der Meister doch etwas früher als gedacht“, sagt Völz.
Dass Nachhaltigkeit in der Ökologischen Werkstatt großgeschrieben wird, findet Völz toll und auch für die Zukunft sei das Ziel ganz klar, möglichst ressourcenschonend zu arbeiten. „Das ist das Tolle am Handwerk: Es ist ehrlich und als Betriebsinhaber habe ich die Kontrolle darüber, wo meine Materialien herkommen und wie ich arbeiten möchte. Das hat mich besonders gereizt.“
Holz-Bezugsquellen: Auch mal ein Mammutbaum aus den Berglen
Die Ökologische Werkstatt bezieht ihr Holz vor allem vom Holzhandel Carl Götz – mit Standorten unter anderem in Ammerbach-Altingen, Offenburg und Neu-Ulm. „Immer wieder kommen wir aber auch über private Kontakte an regionales Holz.“
Vor kurzem zum Beispiel an Holz eines Mammutbaums aus den Berglen, der gefällt werden musste, erzählt Völz. „Bis daraus Möbel entstehen können, dauert es aber noch. Das Holz muss erst einige Jahre trocknen.“
Ökologisch sinnvolle Holzbezugsquellen würden ihnen auch immer wieder von ihrer Hausbank, der GLS Gemeinschaftsbank eG, eröffnet – die seit 1974 als sozial-ökologisch firmiert und mit nachhaltig-gerechten Geldanlagen wirbt. „Wir spüren da auch immer mehr ein Umdenken bei den Kundinnen und Kunden. Ökologie und Nachhaltigkeit werden als immer wichtiger angesehen.“
Felix Völz ist fest davon überzeugt, dass das Tischlerei-Handwerk Zukunft hat – trotz Ikea und anderer Möbelgeschäftsgroßketten. „Ikea ist keine Konkurrenz für uns, weil wir ja ganz andere Sachen machen.“ Nämlich qualitativ hochwertige und individuell maßgefertigte Einzelstücke. „Zudem restaurieren wir auch alte Möbel, legen Böden oder setzen auch mal Türen“, sagt Völz.



